„Schutzlose Wesen müssen beschützt werden“ (Andreas Steinhöfel, Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch)

Vermutlich kann, ja sogar: muss man Weihnachtsgeschichten heute so schreiben. Vermutlich.

Aber der Reihe nach.

Zunächst wirkte Andreas Steinhöfels viertes Rico-und-Oskar-Band auf mich wie der Versuch, angesichts der unausweichlich hereinbrechenden Weihnachtszeit die Erfolgsgeschichte weiter auszuwerten (Leseprobe beim Carlsen-Verlag: https://www.carlsen.de/bic/media/widget/html5/9783551556653). Und ins Klischee passten die 264 Seiten dann auch noch: Weihnachtswinterwetter mitten in Berlin, ein Schneesturm,

Heiligabend, dachte ich, heute ist Heiligabend!
Geschenke, Geschenke, Geschenke“ (Andreas Steinhöfel, Rico Oskar und das Vomhimmelhoch, Carlsen, 978-3-551-55665-3, 2017, S. 9)

und eine Geschichte, die dann tauch tatsächlich nicht mehr und nicht weniger als einen Heiligabend lang dauert – das roch für mich nach maximaler Ausnutzung einer Erfolgsgeschichte. Dagegen habe ich nichts, Lesevergnügen verspricht Steinhöfel allemal, und deshalb liegt das Buch auch nicht mehr in der kleinen Küstenbuchhandlung, in der ich es während des Urlaubs erworben habe, sondern hier vor mir.

Aber dann …

Es sind mindestens zwei Geschichten, die Steinhöfel erzählt. In die Heiligabendgeschichte, die erwartete, aber rasch nicht mehr erwartbare, verflochten ist eine Sommerfreundschaftserzählung: und als Rico Oskar beim Einkauf von Damenunterwäsche beobachtet und nicht so recht weiß, wie er damit umgehen soll, dass der Freund ihm den Kauf, die Beweggründe für den Kauf und – Oskar wird sie ja wohl kaum für sich selbst benötigen – den Zweck des Kaufs verraten mag, wird es rasch gewohnt turbulent. Und der Heiligabend und die

„Geschenke, Geschenke“ (ebd., 262)

geraten dabei doch tatsächlich völlig unter die Räder. Wären da nicht die Geburten, die irgendwie auch etwas mit Weihnachten zu tun haben

„zwei echte Christkindchen“ (ebd. 258)

und die die im Schneesturm völlig isolierte Dieffe 93 (Straßenverkehr, Telefon, Handynetz – das alles ist ausgefallen) –

„Die Dieffe 93 hatte sich wacker gehalten. Wir alle hatten uns wacker gehalten“ (ebd. 262)

– gewaltig auf Trab halten. Obwohl

„Man fragt sich ja schon, warum der liebe Gott den Frauen keine bequeme kleine Klapptür in den Bauch gebaut hat, wo man ein fertiges Kind nach neun Monaten Schwangerschaft einfach rausnimmt“ (ebd. 247),

was obendrein praktisch wäre und die Handtaschen ersparte, und die Risiken des Geborenwerdens und Gebärens –

„Eine Geburt ist kein Kindergeburtstag“ (ebd., 217)

– minimierte. Auch mit Gott wäre dann manches leichter,

„Und unsere Geburt wird normal verlaufen, sonst bringe ich persönlich den lieben Gott um, das schwöre ich bei … beim lieben Gott“ (ebd., 216),

aber das

„Vomhimmelhoch“

beschränkt sich ansonsten tatsächlich auf den Schnee, der fortwährend und unwetterartig hereinbricht, und auf den Gesang der Kessler-Zwillinge, aber den gibt’s nur zu lesen, nicht zu hören.

Oder doch nicht? Um Umkehr und Versöhnung und ein fast eschatologisch überfülliges Festessen geht es dann nämlich auch noch, um die Frage, was wirklich Geschenk zu sein lohnt, was unsere Namen bedeuten und was man sonst noch an Weihnachten sinnvolles bedenken kann. Um die Sorge füreinander und ums Beschützen:

„Freunde treten füreinander ein.
Schutzlose Wesen müssen beschützt werden.“ (ebd. 263)

Aber das alles lohnt, selbst zu lesen.

Denn so geht heute wohl eine Weihnachtsgeschichte.