Verlassene, öffentliche Orte (Tamara Bach, Vierzehn)

Wie du heißt, erfährst du auf Seite 107:

„Beatrice Emilia Hofmann.“ (Tamara Bach, Vierzehn, Carlsen 2016, 978-3-551-58359-8)

Und dann ist es Zeit, Abschied zu nehmen, den Dein Tag endet und die Geschichte mit ihm. Zuvor bist du ein verlassener, öffentlicher Ort (vgl. ebd., s. 49), das Buch: eine

„Studie. Fotografie.“ (ebd., 49)

Tamara Bachs neuester Roman Vierzehn ist eine Studie über den ersten Schultag nach den Sommerferien, konsequent in der Du-Form geschrieben, nach und nach bewohnst du den Ort, den die Geschichte die bereithält, bis sie dich abstößt, dir einen Namen gibt, der nicht deiner ist. Und damit wirklich zu einem verlassenen, öffentlichen Ort wird.

 

Diese spannenden Konstruktion eröffnet die Erzählung, die sich langsam durch den Tag Emilias tastet, ihre Geschichte leerstellenreich rekonstruiert (Pfeiffersches Drüsenfieber, der Vater ist ausgezogen, eine junge Liebe, eine ausgefallene Ferienfahrt nach Polen), einen Lebensort entstehen lässt, den du mit deiner Geschichte füllen willst, aber der dich nicht aufnimmt. Wie das Kunstprojekt, von dem du erfährst an diesem ersten Schultag:

„Und sie sagt, dass man von ihr aus auch eine Lochkamera benutzen kann, Hauptsache, es kommen irgendwann Fotos dabei raus, mit denen ihr arbeiten könnt.

Also Orte, die mal für Menschen, für viele Menschen, vielleicht für Geselligkeit oder so gedacht wearen. Wo jetzt keine Menschen mehr sind.“ (ebd., 49f.)

Leere Schulhöfe zum Beispiel, sich leerende Schwimmbäder, wenn es Herbst wird, oder das Arbeitszimmer deines Vaters, der euch verlassen hat.

Oder wie das Buch, das du verlässt, wenn du merkst, dass du nicht du bist. Ganz hinten, auf der letzten Seite.

 

„Ich bin eine Geschichte, die ich nicht lesen will“ (Tamara Bach, Marienbilder)

Möglichkeitsliteratur hat Konjunktur: jedenfalls legt sich dieser Gedanke nahe angesichts des Verkaufsstarts des 8. Bandes der Harry-Potter-Reihe (Harry Potter: Harry Potter und das verwunschene Kind. Teil eins und zwei [Special Rehearsal Edition Script], 978-3-551-55900-5) nahe, in dem Möglichkeitsszenarien der Zauberwelt variantenreich durchgespielt werden (dass etliche Varianten dabei unberücksichtigt bleiben, die vielleicht auch noch eine Erwähnung verdient hätten, betont bspw. Jana Seelig: http://www.huffingtonpost.de/jana-seelig/harry-potter-rowling-buchkritik_b_12181306.html). Bevor ich mich – vielleicht – demnächst zu diesem Buch äußere, einige wenige Bemerkungen zu einem faszinierenden Text von Tamara Bach. „Marienbilder“ (Carlsen Verlag, 2014, 978-3-551-58299-7) ist eine fulminante Dekonstruktion der Möglichkeiten und Kontingenzen, die ein Leben zu dem machen, was es ist.

Es geht um Mareike: die Ich-Erzählerin, die Jüngste von drei Geschwistern, ist schwanger geworden, beinahe jungfräulich, zum „Marienbild“ eben, nachdem ihre Mutter die Familie kommentarlos verlassen hat. Nach und nach rekonstruiert die Erzählung die Vorgeschichte dieser Mareike überfordernden Situation: bereits die Mutter war unehelich schwanger, der Vater, selbst Kind einer Affäre, hat sie  geheiratet, obwohl das Kind nicht von ihm ist.

„Die Sehnsucht meiner Mutter hat rote Haare“ (Bach, Marienbilder, 5)

und ist weder der Vater ihres ersten Kindes noch ihr späterer Ehemann geworden. Unerfüllte Wünsche, tiefe Sehnsüchte, ungelebte Möglichkeiten: sie geben der Erzählung ihr Thema vor.

Tamara Bach inszeniert dieses Thema nicht nur durch die stückweise Rekonstruktion der Familiengeschichte Mareikes. Mit einem Mal wird Mareikes Geschichte selbst zu einem Ort mehrerer Möglichkeiten. Am Bahnhof trifft sie Gregor, den Vater ihres ungeborenen Kindes, wieder – und es ergeben sich neue Möglichkeiten, wenigstens auf der Ebene der Erzählung. Denn was dann geschieht, entwickelt die Geschichte in fünf Möglichkeiten. Es könnte ja sein, dass der Zug, auf den Mareike wartet, pünktlich kommt und sie mitnimmt (49-90). Der Zug könnte verspätet sein (91-101). Er könnte aber auch ausfallen (103-117). Möglich wäre, dass ein anderer Zug kommt (119-130). Oder … (131-134).

Erzähltechnisch erzeugt diese Konstruktion Ungleichzeitigkeiten: trotz der Ich-Perspektive Mareikes wissen Leserinnen und Leser nach und nach mehr über ihr Leben als sie selbst. Mareike bleibt Gefangene der Kontingenzen, die ihr Leben bestimmen, bleibt

„eine Geschichte, die ich nicht lesen will“ (111).

Jenseits ihrer Perspektive scheinen für die Leserinnen und Leser Möglichkeitshorizonte auf. Deren äußerster: Mareike wäre gar nicht geboren worden, weil ihre Mutter sie nicht bekommen hätte.

In einer von Mareikes Geschichten spielt genau diese Möglichkeit eine Rolle. In einem bemerkenswerten Abschnitt reflektiert sie über Religion und die Möglichkeiten, die diese ihr böte, würde sie sie glauben.

„Hätte ich Religion, dann wäre es leicht. Dann wäre
ungeborenes Leben heilig. Dann gäbe es nur zwei
Möglichkeiten.“ (109)

Religion wird hier zu einer Möglichkeit innerhalb einer Möglichkeit, einer Möglichkeit zweiter Ordnung. Dass sie mehr als nur zwei Möglichkeiten bietet, wird wenige Seiten später deutlich: Mareike verliert ihr Kind – eine Möglichkeit, die in ihrem Kalkül nicht vorkommt.

Marienbilder ist ein fast trostloses Buch, gerade die letzten Sätze zeugen von der Möglichkeit spurenloser Nichtexistenz. Nietzsche scheint auf, doch bleibt sogar der ungelesen:

„‚Ich hab Nietzsche nicht gelesen‘, sag ich.“ (62)

Und auch das ist – für kundige Leserinnen und Leser – kein Zufall.

Es bleiben verdämmernde Erinnerungen an alte Sehnsüchte. Mareikes Großmutter, dement geworden, kramt in alten marianischen Andachtsbildchen, Marienbildern eben, als letzten Wirklichkeitsfragmenten:

„Die Marienbildchen, schau doch, wie schön die sind“ (88).

Und so bleibt die letzte Sehnsucht vielleicht die nach Religion und Heimat und einer tragfähigen Alternative:

„Da könnten wir sein, wenn nicht hier. Das sage ich dem Kind am ABend, das ist sein Gebet. Man könnte weiterreisen, aber ich bleibe hier, stricke einen dicken Pullover für den Winter, beziehe das Bett neu, und das Kind beginnt zu sprechen, eine andere Sprache als die, die ich gelernt habe“ (125).

Hinweis: voraussichtlich 2017 erscheint in einem von Georg Langenhorst und Eva Willebrand herausgegebenen Sammelband ein ausführlicherer Beitrag zu „Marienbilder“ von mir.